Die Politische Ökonomie des Schwimmens

Zurzeit laufen im Fernsehen oder (je nach Land) im Internet die ISL Wettkampfschwimmen. Schwimmen kenne ich, aber ISL – ??? ISL steht für International Swimming League, eine neue internationale Liga fürs Profischwimmen.

Das ist deswegen erwähnenswert bzw. einen Blogpost wert, weil es bisher einen Monopolisten gab, die FINA, den Weltschwimmverband, der alle Wettbewerber erfolgreich unterdrückte. So ähnlich wie im Profifußball, da gibt es denn DFB und seine Bundesliga, und sonst nix. Seit 2019 gibt es nun die ISL und die organisiert auch Schwimmwettkämpfe. Und die sehen doch ziemlich anders aus, als das, was Sie von Olympia oder vom lokalen Schwimmtreffen kennen.

Klar, es schwimmen weiterhin Menschen auf vier verschiedene Arten (in vier unterschiedlichen Lagen) unterschiedlich lange Strecken (zwischen 50m und 200m). Hier ist allerdings schon der erste Unterschied, es werden also nur Kurzstrecken (Sprint) und kurze Mittelstrecken (200m) geschwommen, aber nicht die 400, 800m und 1.500m Kraul. Obwohl die erst richtig spannend sind, aber das dauert zu lange.

Die Grundlogik kennen Sie vom Schulschwimmen und den Stadtschulmeisterschaften: alle springen gleichzeitig rein und es gewinnt die oder der Schwimmer, der als erster anschlägt. Und das war es dann im Prinzip auch. Erster, zweiter und dritter bekommen eine Medaille und gehen zum Ausschwimmen (eigentlich andersherum) oder nach Hause. Es kann also sein, dass ein Schwimmer sich nur auf eine einzige Distanz, sagen wir 100 Freistil, konzentriert. Er wird nur diese eine Distanz schwimmen und versuchen zu gewinnen. Zeit spielt auch eine Rolle, aber man muss keinen neuen Weltrekord aufstellen, um Erster zu werden.

Und so werden dann alle Kombinationen durchgearbeitet, jede Lage auf einer bestimmten Distanz, erst die Frauen, dann die Männer. Also z. B.

50m Freistil Frauen

50m Freistil Männer

100 Rücken Frauen

100m Rücken Männer

200m Brust Frauen

200m Brust Frauen. usw.

Für jedes einzelne der zahlreichen Rennen gibt es einen Sieger. Das ist das FINA Prinzip. Wenn Du Deine Familie mit einer Goldmedaille beindrucken willst, musst Du einfach schneller sein, als die sieben Anderen Typen im Becken. Ob die anderen in Deinem Schwimmverein, mit denen Du im Bus zurück fährst, das auch schaffen, ist ihr Problem.

Hier ist das ISL-Prinzip: Es gibt nicht X Sieger, sondern nur Einen. Genauer gesagt, nur ein Team kann gewinnen. Die Schwimmer bilden Teams und es konkurrieren Teams. Es gewinnt das Team, mit den meisten Punkten Punkte bekommt Frau oder Mann, wenn man gegeneinander schwimmt. Auch bei der ISL springen acht Menschen ins Wasser und schwimmen alle in derselben Lage dieselbe Strecke, also z. b. die 100m Freistil, die „Königsstrecke“ (m/w/d). Wer zuerst anschlägt bekommt 9 Punkte, der zweite 7 Punkte, der letzte (achte bekommt) noch einen Punkt. Bei einem ISL werden also genauso zahlreiche Strecken in allen Lagen geschwommen – und die Punkte, die jedes Team dabei gewinnt, werden zusammengezählt. Wer am Schluss die meisten Punkte hat, bekommt den Pott – und die meiste Kohle.

Das ist das Grundprinzip:

  • Teambasiert
  • Teams sammeln Punkte
  • wer in einem Rennen zuerst anschlägt, bekommt die meisten Punkte.

Es gibt noch diverse Bonuspunkte und Extrawertungen. Aber die Zeiten der Gewinner spielen im Vergleich zu FINA Events eine untergeordnete Rolle. Die Siegezeit wird gar nicht angezeigt, sondern nur wer Erster ist und wer wie viele Punkte bekommt. Sieht aus wie bei einem Videospiel.

ISL Events sind bunt, hipp oder cool. Du fühlst Dich auf jeden Fall nicht lost, wenn Du das schaust. Wenn die FINA Events die Lego Classic Box sind, dann sind die ISL Wettkampfschwimmen der Hidden Side Doppeldecker.

In einem Team sind bis zu 30 Schwimmerinnen und Schwimmer aus verschiedenen Ländern. Wie bei Bundesligavereinen – bei der ISL schwimmen Teams gegeneinander und nicht Nationalmannschaften. Die Teams haben lustige Namen, zum Beispiel „die Froschkönige aus Tokyo“ (Tokyo Frog Kings, mit Vladimir Morozov). Deutsche Schwimmstars schwimmen auch mit, Philip Heintz gehört zu den Aqua Centurions, Marius Kusch (Europameister über die 100m Schmetterling auf der Kurzbahn) schwimmt für London Roar.

Was bedeutet das alles für Nicht-Schwimmfanatiker? Erstens, Konkurrenz belebt das Geschäft. Die ISL hat es fertig gebracht, das FINA-Monopol auf Schwimmevents zu brechen. Die FINA hat darauf reagiert und selbst ein neues Wettkampformat eingeführt. Das ist also wie bei der Deregulierung der der Fernbusse in Deutschland, die der Deutschen Bahn zahlreiche Wettbewerber und dem Kunden sinkende Preise beschert hat. Ob das nachhaltig und umweltfreundlich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Zweitens: Sportevents sehen im Fernsehen auch ohne Zuschauer ziemlich gut aus. Es ist also realistisch, dass Olympia 2021 ohne Zuschauer stattfinden wird.

Drittens: Die ISL macht mit dem Event Druck aufs Öffentlich-rechtliche Fernsehen. ARD und ZDF haben sich als unfähig oder unwillig erwiesen, Schwimmen prominent im Fernsehen zu zeigen. In anderen Ländern, z. B. in Russland laufen die ISL Events dagegen im regulären Kabelfernsehen. In Deutschland posten nur www.swim.de und www.swimswam.com Zusammenfassungen. Es bleibt also zu hoffen, dass das neue Format auch in Deutschland in 2021 zu mehr Vielfalt bei den Öffentlichen Rechtlichen führt.